Dez 03
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Reisebericht von Rosa Schmitz

35b3ab2a19f46ac3056fff8ccff085c4_XLErschöpft schlängelte ich mich Sonntagabends am Flughafen durch die VISA-Kontrolle und wartete unruhig auf mein Gepäck. Um halb drei Uhr morgens schienen in der Ankunftshalle nur noch die nötigsten Lichter. Alle Passagiere starrten übermüdet vor sich hin, ohne ein Wort zu sagen. Endlich fing das Fließband an zu rotieren und ich schnappte zügig meinen schweren Koffer. Gespannt marschierte ich aus der Halle in Richtung Treffpunkt. Draußen war es kühl und windig. Die 15 Grad waren eine willkommene Abwechslung zu der stickig und heißen Luft im Flugzeug.

Der Parkplatz war überfüllt mit Taxis und wartenden Menschen. Hier traf ich zum ersten Mal auf Christian, der sich genau wie ich für die Summer-School als Freiwilliger zu Verfügung gestellt hatte. Kurz darauf stiegen wir samt Fahrer in einen großen Pick-up-Truck und fuhren zu unserem Hotel. Genau wie am Flughafen brannte auf der Straße kaum ein Licht. Nachts erschien mir die Stadt leblos. Niemand war mehr zu Fuß unterwegs und es kamen uns auch keine Autos entgegen. Schräg erschien mir das für eine Stadt mit 3.4 Millionen Einwohner schon und ich überlegte, wie es wohl Tags auf den Straßen zugehen würde. Innerhalb von zehn Minuten waren wir im Weygoss Guesthouseangekommen. Ich checkte ein und ließin meinem kargen Zimmer einfach alles fallen. Etwas aufgedreht bemühte ich mich gleich zu schlafen.

 Mein 1. Tag

Am nächsten Morgen starteten wir um 7:30. Jetzt bekam ich erstmals einen richtigen Eindruck von der Stadt. Anfangs konnte ich es nur als völliges Chaos beschreiben. Die Stadt war zum Leben erweckt. An jeder Ecke sah ich viele Menschen. Frauen saßen am Straßenrand und verkauften meist verbrannten Mais oder Gemüse oder Früchte. Männer putzten um 2 Birr (etwa 10 Cent) Stiefel, Sportschuhe und Lederpantoffel. Kleinkinder spielten auf der Straße, einige bettelten. Alle möglichen Menschen liefen querüber die Fahrspur in Richtung Arbeit. Nirgends waren Ampeln montiert. Nur auf den größeren Straßen gab es Fußgängerübergänge, die aber kaum einer benutzte. Autos wechselten ohne Warnung von einer Spur auf die nächste oder bogen ohne Zeichen der Warnung in den Gegenverkehr ein. Schnell wurde mir klar, warum in Äthiopien durchschnittlich täglich 60 Menschen in Verkehrsunfällen ums Leben kommen.

Hier passiert alles gleichzeitig und in einem unglaublichen Tempo. Schaut man eine Sekunde lang nicht hin, verpasst man etwas. Wir hielten uns hauptsächlich im Süden von Addis Ababa auf. Dieser Bezirk gilt eigentlich als einer der besseren. Was nicht heißt, dass nicht auch hier Plastik- und Wellblech-Hütten stehen. Nur sind sie zwischen Hochhäusern, internationalen Banken, mehrstöckigen Shopping-Centern und moderneren Supermärkten eingequetscht. Wirklich stabil oder sauber sah aber keines dieser großen Gebäude aus. Noch dazu gab es unzählige ungesicherte Baustellen. Verlassen und ohne montierte Abgrenzungen, schienen diese allerdings eher wie vergessene Projekte. Oft waren sie auch, wie alles andere, übersät von Müll.

Africa_BezaSchließlich kamen wir an der Schule an. Da wir zu früh waren, setzten wir uns draußen noch kurz auf eine Bank. Hier warteten schon die ersten Kinder begierig loszulegen. Aufgeregt schüttelten sie unsere Hände und stellten sich vor. Manche winkten nur nervös aus sicherer Distanz uns zu. Alles schien sie zu faszinieren. Menschen mit heller Hautfarbe hatten sie bis jetzt sehr selten oder gar nicht gesehen. Besonders blondhaarige Frauen – wie mich – waren eine Seltenheit. Manche der Mädchen zupften entzückt an meinem Pferdeschwanz und lachten erstaunt. Um Punkt 8:30 gingen wir ins Gebäude des stolzen ‘AfricaBeza’Colleges. Im vierten Stock hatten wir unsere zwei Klassenzimmer – beide klein, etwa 20 Quadratmeter, für insgesamt 62 Schüler – ausgestattet mit Stühlen und einer alten Kreidetafel. Doch irgendwie genügte es. Musste es zumindest. 

Für den Rest der zwei Wochen die ich in Addis Ababa verbrachte, übernahm ich samt Christian und Gelila (eine in Addis Abeba wohnhafte Mitarbeiterin von MyHope) die Klassemit den jüngeren Kindern. Insgesamt waren es etwa 40 Schüler. Diese waren im Alter zwischen 5 und 13 Jahren. Diese große Altersdifferenzwar nicht ganz unproblematisch, denn Viele Schüler befanden sich auf einem komplett unterschiedlichen Wissenstand. Es gab 12-Jährige, die auf English nur mühsam bis 10 zählen konnten, und 7-Jährige, die es locker bis 100 geschafft hätten. Irgendwie mussten wir uns darauf einrichten. Sonst fiel es den einen zu schwer und den anderen zu leicht. Leider war es nie möglich, dass alle gleichmäßig mitkamen. Trotzdem schafften wir es irgendwie sie zu amüsieren, und etwas beigebracht haben wir ihnen auch. Durch singen und tanzen kamen sie in Schwung. Zwischendurch mussten sie dann auch Arbeitsblätter ausfüllen. Aber es war uns wichtig, eine Balance zwischen Spiel und Lernen aufrecht zu erhalten, denn wir wollten sie nicht mitten in ihren Sommerferien  mit zig Aufgaben„fertig machen“.

  Freude und Anstrengung

Obwohl ich am Ende jeden Tages komplett ausgeleiert war, machte mir nichts mehr Freude, als mich mit zu einem Kind zu setzen und ganz persönlich mit ihm zu arbeiten. Sie waren dabei immer unglaublich dankbar. Offensichtlich ist es für sie selten, jemanden zu haben, der sich mit ihnen durchgehend beschäftigt. Wann immer wir ihnen über die Arbeit schauten, warteten sie gierig auf ein  “sehr gut”oder„High-five“. Nichts schien ihnen mehr zu gefallen, als von einem von uns zu hören, dass sie etwas richtig machten.

Manche Kinder hatten Schwierigkeiten mit zuhalten und brauchten auf Grund vermuteter Schreib- und Leseschwächen etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich selbst bin Legasthenikerin und erinnere  mich noch gut, was es heißt, in der Schule nicht immer alles mitzubekommen. Ich hatte erst im späteren Alter das Glück, dass eine Lehrerin mein Problem erkannte, mich beiseite nahm und mir Hilfe  anbot. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, wie es ist, sich beim Lesen und Schreiben zu quälen. Oft kommt man sich dämlich oder ungeschickt vor. Ohne die benötigte Beachtung kommen Kinder  mit Lernschwächen schnell nicht mehr mit. Was dazu führt, dass sie die Lust am Lernen verlieren. In Schulen mit großen Klassen und desinteressierten Lehrern passiert so etwas oft. Schließlich kriegen diese Kinder dann auch nicht die Ausbildung, die sie verdienen. Dieser Gedanke machte mir Bange. Ich selbst brauchte als junge Schülerin viel Beistand, um voran zukommen. Wie man ohne diese Hilfestellung zu Rechtkommen soll, war mir unklar.

 In den zehn Tagen wurde uns auch klar, was wir brauchen würden, um die Summer-School zu verbessern. Kinder benötigen wirklich viel Platz und nicht nur einen größeren Klassenraum. In Wirklichkeit wäre es erforderlich, einen Bereich im Freien zu Verfügung zu haben. Hauptsächlich damit sie in Pausen auch raus gehen hätten können. Spielen und laut sein, konnten wir nicht. Wir sind überzeugt, das hätte ihnen noch mehr Spaß gemacht und wäre interaktiver gewesen.

Nachmittags gingen wir öfter in die Slums, um dort Kinder zu besuchen. Dabei kam es in mir innerlich oft zu einem Kampf. Alle Kinder waren so hinreißend. Oft standen sie uns zu viert oder fünft gegenüber und schauten neugierig. Jedes lachende Gesicht fotografierte ich. Nur wurde mir bei der Ansicht ihrer Wohnlage mulmig und es war entmutigend mitzubekommen, wie schlecht die Lebensverhältnisse hier sind. Manche Familien leben zu fünft oder sogar zu neunt in einem einzigen Raum. Die hygienischen Bedingung die fürs Kochen und essen ausreichen mussten, würden im Westen als unakzeptabel gelten. Manche Gerüche die in der Luft hingen, verdrehten mit den Magen. Schließlich gibt es in diesen Vierteln kein richtiges Abwasser- und Filtersystem. Müll wird nicht entsorgt. Abfall bleibt schlicht dort liegen wo er hingeworfen wird. Wie man gegen das Elend und die Ungerechtigkeit ankommt, ist mir bis jetzt nicht klar. Irgendwie zwang ich mich, nicht mehr über eine Lösung nachzudenken, weil es mir so aussichtslos erschien. Doch es bedrückt mich noch immer.

 Ich bin erst neunzehn Jahre alt. Bis vor einem Jahr habe ich noch zu Hause gelebt. Hier bekam ich alles was ich brauchte. Und auch jetzt werde ich weiterhin von meinen Eltern unterstützt. Was es heißt, mit Geld auskommen zu müssen, lerne ich erst. Die Kinder auf die wir trafen, werden unter komplett anderen Umständen groß gezogen. Ihr Sorgen ragen weit über meine hinaus. Es ergreift einen eine unglaubliche Schuld, gegen die man nicht ankommt. Für meine privilegierte Erziehung musste ich nichts tun, ich hatte es nicht verdient. Ich hatte sie einfach bekommen. Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt wie in diesen Elendsvierteln. Die Kinder taten mir nicht nur leid, sondern ich fühlte mich auch verantwortlich, ihnen zu helfen. Ich überlegte nicht lange, bis ich mich entschied, auch ein Patenkind zu unterstützen. So habe ich das Gefühl, zumindest etwas Kleines beitragen zu können.

Anfangs unterschätzte ich, was es eigentlich hieß in diesem fremden Land zu sein. Essen fiel mir manchmal schwer. Andere Male fiel es leicht doch kurz darauf musste ich es schon bereuen. Hier krank zu sein ist auch ein Erlebnis. Schmerzmittel und Magenberuhigungsmittel sind schwer zu bekommen, außer man hat sie selbst von zu Hause mitgenommen. Anders wie zuhause gibt es keinen schnellen Zugriff auf ‘Komfortnahrungsmittel’ wie Hühnersuppe. Was nicht so wichtig erscheint, bis es einem schlecht geht und man nichts anderes will. Bequeme Gewohnheiten sind beim Reisen der größte Feind.

 Abschied

Als der letzte Tag kam, war ich erleichtert. Irgendwie hatten wir es geschafft uns durch die zwei Wochen zu schlagen. Wir besorgten noch unsere letzten Mitbringsel und aßen ein letztes Mal bei Gelila, unserer Mitarbeiterin vor Ort) zuhause. Nachmittags fing es an zu stürmen. Dazu kam Hagel und ein stürmischer Regen. Noch nie hatte ich ein so heftiges Unwetter gesehen. Es hielt eine gute Stunde an. Dieses Erlebnis war erschreckend und auf kuriose Art erstaunlich. Eigentlich dachte ich mir, dass dieses Naturschauspiel passend für meinen Abschied war. Dieser Sturm war genauso turbulent und verwunderlich wie Addis Abeba selbst. Plötzlich wurde mir schwer ums Herz. Es war mir auf einmal klar, dass diese zwei Wochen, so anstrengend sie auch waren, unersetzbar für mich sein werden. Ich freute mich zwar auf zuhause und alles, was damit verbunden war, aber Äthiopien zu verlassen, die Menschen die ich dort kennengelernt hatte, zurückzulassen, fiel mir nicht leicht. Ich kann allen nur raten dieses Land unbedingt selbst zu entdecken.